Vom Mann Gottes zum deutschen Elias

Martin Luther
Martin Luther

In Buchform gedruckte Bildniszyklen berühmter Persönlichkeiten, als Bildnisvitenbücher, Porträtbücher und Porträtsammelwerke bezeichnet, waren im Europa des 16. Jahrhunderts weit verbreitet. Den druckgraphischen Porträts sind jeweils biographische Angaben beigefügt, deren Länge von knappen Bildüber- und ‑unterschriften bis hin zu mehrseitigen Lebensbeschreibungen und Lobgedichten reichen kann. Gemeinsam sollen Bildnis und Vita der wirksamen Vermittlung nachahmungswürdiger Tugendbeispiele sowie der Ruhmesspende dienen (Pelc 2002, S. 2–6). Ihre Entstehung verdankte diese Gattung dem italienischen Renaissancehumanismus mit seinem Interesse an den Taten berühmter Männer und an antiquarischem Bildmaterial. Den Schwerpunkt der Publikationen bildeten zunächst umfangreiche Herrscher- und Gelehrtenzyklen.

Darüber hinaus fungierten Porträtbücher als Medien konfessioneller und nationaler Ruhmesspende, denn die Vergegenwärtigung großer Taten vermochte nicht nur einzelnen Personen, sondern auch den sozialen Gruppen, denen sie angehörten, zur Ehre zu gereichen. Ab den 1560er Jahren entstanden zahlreiche Porträtsammelwerke von deutschen Helden, Fürsten und Gelehrten ebenso wie von politischen und intellektuellen Akteuren der Reformation. Luther begegnet uns in diesen Titeln immer wieder auf noch heute vertraute Weise: als von Gott gesandter Lehrer des wahren Evangeliums (Agricola 1562, Bl. Bii v), als siegreicher Widersacher des Papsttums (Reusner 1590, S. 120) sowie als Prophet und Befreier der Deutschen (Boissard 1598, S. 208).

Bei den Warhafften Bildnissen etlicher gelarter Menner von 1562 handelt es sich um einen von fünf Titeln, in denen der Wittenberger Druckerverleger Gabriel Schnellboltz (ca. 1530–1570) die Gattung der Porträtsammelwerke für den lutherischen Protestantismus aufbereitete. Wie auch in den übrigen Werken stammen die Texte aus der Feder von Johann Agricola (1530–1590), während Schnellboltz für die Beschaffung der Bildnisse und die Drucklegung zuständig war. Die 20 Holzschnittporträts der 18 für die lutherische Reformation wichtigen Gelehrten nehmen jeweils eine knappe Seite für sich in Anspruch. In den meisten Fällen kann man sie der Cranach-Werkstatt zuschreiben. Agricolas kurze, in einfachen Paarreimen verfasste Viten sind den Porträts jeweils gegenübergestellt.

Fast ausnahmslos handelt es sich bei den Darstellungen um Halbfigurenporträts vor einer Brüstung, die Bild- und Betrachterraum voneinander scheidet. Ausgestattet mit Buch und Schaube sind die meisten Porträtierten deutlich als reformierte Gelehrte zu erkennen. Prägend für diese Ikonographie ist ein später Bildnisytp Martin Luthers (Abb. 1), wie er von der Cranach-Werkstatt in Malerei und Druckgraphik verbreitet wurde (Schuchardt 2015, S. 45f.). Er zeigt den Reformator in professoraler Tracht, bestehend aus Schaube, Wams, Hemd und Krause. Sie bildete ein Markenzeichen lutherisch reformierter Theologen, seitdem Luther selbst 1524 öffentlichkeitswirksam seine Mönchskutte gegen diese Art der weltlich-akademischen Bekleidung ausgetauscht hatte (Bringemeier 1974, S. 44 – 57). Weitere Charakteristika des späten Bildnistyps, der Luther in seinem fünften Lebensjahrzehnt zeigt, sind seine feiste Gestalt, das markante Doppelkinn, die Stirnwülste über den zusammengezogenen Brauen und die abstehende Locke (Roper 2012, S. 12–15).

Abb. 1
Abb. 1 Cranach-Werkstatt: Martin Luther, Holzschnitt auf Papier, 14 × 16 cm, in: Johann Agricola: Warhaffte Bildnis etlicher gelarten Menner […], Wittenberg: Schnellboltz 1562, Bl. Bii r. HAB: A: 382.2 Theol. (6)

Nicht nur in der Figurengestaltung, auch für das Konzept des Buches hinsichtlich der Personenauswahl und ‑abfolge ist Luther wichtiger Ausgangspunkt. Die Ordnung der Bildnisse ist weder alphabetisch motiviert, noch wird eine chronologische Reihenfolge konsequent eingehalten. Luther und Philipp Melanchthon (1497–1560) besetzen jedoch eindeutig das Zentrum dieser freien Anordnung. Als Einzige werden sie mit jeweils zwei Porträts und Vitentexten bedacht, wobei die Lutherbildnisse einander stark ähneln (Abb. 1). Den beiden Protagonisten der Wittenberger Reformation geht nur das Porträt des Predigers Jan Hus (um 1370–1415) als präprotestantischer Vordenker und Märtyrer voraus. Im Anschluss an Luther und Melanchthon folgen in nahezu chronologischer Reihenfolge ihre wichtigsten Anhänger und Mitstreiter. Mit Erasmus von Rotterdam (1466–1536) öffnet sich schließlich der Personenkreis. Ohne klar begründete Abgrenzung oder Abfolge wird nun denjenigen Ehre zuteil, die sich zwar im weitesten Sinne um die jüngste „Offenbarung und Reinigung der Heiligen Schrift“ verdient gemacht haben, nicht aber zu den Anhängern der lutherischen Reformation gezählt werden konnten.

Aufnahme und Anordnung des Personals begründet sich zum einen über die Person Luthers. Zum anderen erklärt Schnellboltz in Titel und Vorrede seines Werkes, er wolle all jene mit Epitaphien ihrer Ebenbilder ehren, welche durch Gottes Eingebung die Heilige Schrift wieder hell und offenbar an den Tag gebracht hätten, auf dass durch ihr Angedenken die Barmherzigkeit Gottes ersichtlich werde (Agricola 1562, Bl. Aii rf.). Mit dieser Erklärung zollt der Druckerverleger Luthers Kritik an der Werkgerechtigkeit Respekt, der zufolge es nicht die vollbrachten Taten seien, durch die eine Rechtfertigung vor Gott ermöglicht wird. Vielmehr bestimmten die Gnade und Vorsehung Gottes das persönliche Heil und die Geschicke der Welt. Aber auch die Vorrangstellung Luthers und Melanchthons erhält durch diese Begründung zusätzliches Gewicht, erscheinen die beiden doch im besonderen Maße durch die Eingebungen des Heiligen Geistes gesegnet. Das Werk von Agricola und Schnellboltz wird somit zum Zeugnis eines postumen Lutherkults, der sich insbesondere in den 1560er und 1570er Jahren ausbildete (Hess/Mack 2010, S. 289). In den Warhafften Bildnissen etlicher gelarten Menner erscheint die lutherische Reformation als Personengeschichte mit ausgewählten Protagonisten, die von hierarchischen Strukturen und einer demonstrativen Kanonisierung geprägt war.

Die Verbindung von Reformationsgeschichte, religiöser Erinnerungskultur und Personenkult verdichtete sich in den Dresdener Nachdrucken des Titels aus der Offizin von Gimel Bergen (ca. 1538–1600). Unter Verwendung neu geschnittener Bildnisse sollte das 1588 gedruckte Werk noch bis weit in das 17. Jahrhundert hinein in Dresden erscheinen. Mit ihrer stempelartigen Gestaltung und den breiten Konturen dienen die Porträts ausschließlich dem Wiedererkennen der dargestellten Personen, das hauptsächlich aufgrund der hinlänglich bekannten Porträttypen und der Lutherrose (siehe den Beitrag von Klaus Conermann) gewährleistet wird (Abb. 2). Die Porträts sollen, so Bergen in seiner Widmung des Werkes an die örtlichen Tuchmachermeister, die von Gott gesandten Männer in Erinnerung rufen, zum rechten Glauben motivieren und das tägliche Gebet befördern (Agricola 1588, Bl. AIII r). Damit wird das Luthergedenken nicht nur zentral für die Reformationsgeschichte, sondern auch zu einem wichtigen Bestandteil des religiösen Lebens.

Abb. 2
Abb. 2 Unbekannter Formschneider: Martin Luther, Holzschnitt auf Papier, 8 × 12,2 cm, in: Johann Agricola: Bildnüs und Abcontrafactur etzlicher Vornemer Gelerten Menner […], Dresden: Bergen 1588, Bl. Biii r. HAB: A: 218.4 Quod (4)

Eine im Vergleich zu Schnellboltz und Bergen neue Sichtweise auf Luther transportieren hingegen die Icones virorum illustrium doctrina (1597–1599). Bildüber- und ‑unterschrift ehren den Reformator in diesem Werk als deutschen Elias und Propheten, der die Freiheit des deutschen Volkes gesichert habe (Exponat 43) (vgl. Scribner 1986b, S. 381–385; siehe dazu die Beiträge von Robert Kolb und Harald Bollbuck). Das mehrbändige Werk stellt das umfangreichste und langlebigste Bildnisvitenbuch des ausgehenden 16. Jahrhunderts dar. Noch zwischen 1650 und 1654 erschienen die letzten fünf der insgesamt neun Bände unter dem Titel Bibliotheca Chalcographica in Frankfurt am Main mit einem Gesamtumfang von 438 Kupferstichporträts und Radierungen. In Heidelberg wurde das Werk noch bis 1669 verlegt (Casini 1996, S. 289). Die ersten beiden Bände brachten der Altertumsforscher und Sammler Jean Jacques Boissard (1528–1602) und der Frankfurter Druckerverleger Theodor de Bry d. Ä. (1528–1598) 1597 und 1598 mit jeweils 50 Kupferstichporträts und mehrseitigen Viten in lateinischer Sprache heraus. Boissard verfasste die Lebensbeschreibungen, besorgte die Bildvorlagen und fertigte die Zeichnungen an. De Bry war verantwortlich für die Ausführung der Kupferstiche und die Drucklegung. Beide verfolgten einen universalistischen Anspruch, sollten doch die wichtigsten Gelehrten der jüngeren europäischen Geschichte über konfessionelle Grenzen hinweg zusammengetragen werden. Man begann das Vorhaben in tradierter Weise mit den Geistesgrößen des italienischen Humanismus, die den ersten Band füllen. Ab dem zweiten Band nehmen die Gelehrten der deutschen Länder zahlenmäßig zu. Nach dem Ableben Theodor de Brys am 27. März 1598 übernahmen seine beiden Erben Johann Theodor (1561–1623) und Israel de Bry (vor 1570–1611) das Buchprojekt. Sie konnten zwischenzeitig den Mediziner und Schriftsteller Johann Adam Lonitzer (1557–ca. 1610) als Autor des dritten und vierten Bandes (1598/99) gewinnen. Die meisten Stiche fertigte Robert Boissard (ca. 1570–1603) an, der im dritten Band 30 der 50 Bildnisse mit seinem Monogramm versah (Janku 1884, S. 424f.). Zu diesen gehört auch die Darstellung Luthers.

Der bekannte Porträttyp ist auf neuartige Weise in ein fiktives Interieur integriert. Die Staffelung von Tischplatte, Halbfigur und der in den Bildraum integrierten Rahmung in Form einer Bogenarchitektur suggeriert Räumlichkeit. Als zusätzliche Accessoires weisen Öllampe und die beiden Bücher Luther als ebenso fleißigen wie inspirierten und frommen Gelehrten aus. Auf einem Blatt Papier sind zudem seine Lebensdaten gut lesbar angebracht. Der ursprünglichen Darstellung sind nun zwar neue Elemente hinzugefügt, auf der Bedeutungsebene ergeben sich aus ihnen aber keine signifikanten Veränderungen. Erst Bildüber- und ‑unterschrift zeichnen Luther als deutschen Helden und Propheten aus („MARTINUS LUTHERUS Theologus, germaniae Elias | Felix Vate tuo Germania quo duce constat | Libertas populis relligioq[ue] tuis.“ – „Martin Luther Theologe, deutscher Elias. Glückliches Deutschland, dank deinem Propheten, unter dessen Führung deinen Völkern die Freiheit und die Religion fest stehen.“) (Mortzfeld 1986–2008, Bd. 15, S. 33; Bd. 33, S. 260, A 13075). Dabei tritt sein theologisches Schaffen gegenüber der national motivierten Ehrung in den Hintergrund. Aufnahme in den illustren Kreis herausragender Gelehrter findet er vornehmlich als früher Nationalheld.

Diese Interpretation von Luthers Person knüpft an die Porträtsammelwerke von Théodore de Bèze (1519–1605) und Nikolaus Reusner (1545–1602) an. Beide setzten in ihrer Darstellung des wittenbergischen Reformators einen deutlichen Schwerpunkt auf dessen Kampf gegen das römische Papsttum. In Les Vrais Pourtraits des Hommes Illustres en Piete et Doctrine (1581) behandelte der Calvinist de Bèze Vorläufer, Anhänger und Unterstützer der Reformationsbewegung und richtete sich vornehmlich an eine gelehrte Leserschaft. Dies macht sich auch bei der Gestaltung seines Lutherbildnisses bemerkbar (Abb. 3).

Abb. 3
Abb. 3 Unbekannter Formschneider: Martin Luther, Holzschnitt auf Papier, 13 × 10,3 cm, in: Théodore de Bèze: Les Vrais Pourtraits des Hommes Illustres en Piete et Doctrine […], Genf: De Laon 1581, S. 26. HAB: M: Uo 31

Es entspricht zwar demselben Typ, wie ihn bereits Schnellboltz verwendete, allerdings konzentriert sich die Darstellung aufgrund des verkleinerten Figurenausschnitts auf die Gesichtspartie. Die feine Linienführung trägt zusätzlich dazu bei, physiognomische Merkmale detaillierter herauszuarbeiten, Schattierungen und Falten um Mund und Augen stärker miteinzubeziehen. Auf diese Weise wird die Vorstellung von dem für seine Standhaftigkeit und Willensstärke berühmten Luther bekräftigt, den die Bildüberschrift als Deutschen sowie als Geißel des „römischen Antichristen“ bezeichnet. Die Verdienste um ein reformiertes Christentum können bei de Bèze zugleich der nationalen Ruhmesspende dienlich sein. Luthers Aufbegehren gegen das Papsttum erscheint als Teil eines Kulturkampfes zwischen Italien und den deutschen Ländern (de Bèze 1581, S. 27), eine Sichtweise, der sich auch Reusner in seinen Icones sive Imagines (1587) auf einflussreiche Weise bediente. In der literarischen Darstellung des Reformators kombiniert Reusner eine eigens verfasste Biographie mit Chronostichen von Johannes Stoltz (siehe Kat. Nr. 13) und einer Auswahl von Lobgedichten, unter denen sich auch das von de Bèze wiederfindet. Das von Christoph Murer (1558–1614) gerissene Lutherporträt (Abb. 4) diente Robert Boissard als Vorlage für seinen Kupferstich, ebenso wie auch Auszüge von Reusners TextenEingang in die Icones virorum illustrium doctrina fanden.

Abb. 4
Abb. 4 Christoph Murer: Martin Luther, Holzschnitt auf Papier, 10,2 × 8 cm, in: Nikolaus Reusner, Icones sive Imagines Virorum Literis Illustrium […], Straßburg: Jobin 1590, S. 120. HAB: A: 324.4 Hist.

Bemerkenswert ist vor allem die Bildunterschrift, welche Luther erklären lässt: „Die Pest war ich lebend, sterbend werde ich dein Tod sein, Papst“. In der Betonung von Luthers posthumer Wirkmacht drückt sich der Unterschied zwischen seiner realen Person und der Projektionsfigur im kollektiven Gedächtnis aus. Verdient gemacht hat sich der Reformator in dieser Perspektive um die Auslegung und Offenbarung der Heiligen Schrift sowie aufgrund seines Widerstandes gegen das Papsttum. Insbesondere für den späthumanistischen Nationalismus boten sich somit Luther und die von ihm eingeleitete Reformationsbewegung als Projektionsflächen an. Die Konkurrenz zwischen verschiedenen als autonom gedachten Nationen war dem Humanismus seit seinen Anfängen inhärent. Die Geschichtsschreibung erschien besonders geeignet, um eine kulturelle, intellektuelle, künstlerische und moralische Gleich- oder Vorrangstellung behaupten zu können (Muhlack 2002, S. 32f.). Luther selbst hatte sich des deutschen Nationalismus zeitweilig bedient, um seine Religionsauffassung zu propagieren, so dass sich seine Person zur Stilisierung zum Nationalhelden anbot (Hirschi 2012, S. 205). Insbesondere seine Angriffe auf ein dekadentes, verdorbenes und „satanisches“ Papsttum in Rom konnten genutzt werden, um die eigene moralische Überlegenheit zu behaupten. Kombination und Modifikationen früh zementierter Versatzstücke der bildlichen wie schriftlichen Personenbeschreibung ermöglichten es, Luther in Abhängigkeit zur anvisierten Leserschaft und deren antizipierter Wertvorstellungen als religiösen Propheten, gelehrten Reformator oder Nationalhelden darzustellen.

Lea Hagedorn

Literatur:

Bringemeier 1974; Casini 1996; Hess/Mack 2010; Hirschi 2012; Janku 1884; Muhlack 2002; Pelc 2002; Roper 2012; Schuchardt 2015.